(Von Wuldorblogger)

Schon seit einiger Zeit war ich auf der Suche nach einer relativ knappen und treffenden Zusammenfassung dessen, worum es meines Erachtens hier geht: die Tatsache, daß unsere Medien – etwa im Falle USA oder Israel, aber auch ganz generell – nicht “objektiv” berichten (können), und daß es nicht reicht, die “tagesthemen” zu sehen und den “Spiegel” zu lesen, um zu “wissen”, was wie ist oder bewertet werden sollte.

Dieses Argument hat zwei Stränge. Der eine ist jener, worum es bei “Medienkritik Online” wohl vorrangig geht: Journalisten berichten bewußt oder unbewußt einseitig, machen Fehler, haben keine Ahnung, wovon sie schreiben oder verschweigen alternative Sichtweisen, weil sie sie nicht teilen oder nicht kennen. Der andere Strang ist etwas abstrakter, und kann nicht so leicht anhand konkreter Beispiel veranschaulicht werden: Niemand ist “objektiv”, auch nicht Journalisten. Viele Deutsche gehen aber offenkundig noch immer mit dieser Überzeugung an die Berichterstattung ihrer Medien heran. “Das habe ich am Montag im ‘Spiegel’ gelesen!” gilt als letztgültiger Beweis der Richtigkeit.

Und damit treten sie, ohne es zu merken, in eine Falle. Wie diese folgenschwere Falle aussieht, das fassen die Mainzer Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger und Marcus Maurer ziemlich schön zusammen, weshalb ich im folgenden einen Auszug aus ihrer Studie zur Bundestagswahl 2004 wiedergeben möchte:

“Die Wähler [Zuschauer / Leser] glauben, dass sie sich bei ihren Urteilen über die Politiker und ihre Parteien sowie über die aktuellen Probleme an der Realität orientieren. Wenn sich die Darstellung eines Politikers ändert, glauben sie, der Politiker und sein Handeln habe sich geändert […]

Tatsächlich orientieren sich die Wähler [Zuschauer] jedoch nicht an der Realität, sondern an ihrer Darstellung vor allem im Fernsehen. Dabei erliegen sie einem essentialistischen Trugschluß: Was sie für ein Urteil über die Politiker halten – ihre Sachkompetenz und ihre Persönlichkeit -, ist tatsächlich ein Urteil anhand von Realitätsdarstellungen, die gelegentlich mit der dargestellten Realität wenig zu tun haben. Die Wähler [Zuschauer] sind davon überzeugt, dass sie sich an realen Charakteren der Politiker orientieren, folgen aber Charakterfiktionen mit oft fragwürdigem Realitätsgehalt. Dies trifft analog auch auf die Sachdarstellungen zu […]

Die Wähler [Zuschauer] glauben, dass sie sich anhand der Darstellung der Realität ein eigenständiges Urteil über die Realität bilden. […] Sie halten die Darstellung für ein maßstabsgetreues Abbild der Realität, aus der sie ihre Folgerungen ableiten, und sie sind überzeugt davon, dass es sich bei diesen Folgerungen um eigene Einsichten handelt. Dabei erliegen sie der Illusion der autonomen Urteilsbildung: Was sie für ein eigenständiges Urteil über das aktuelle Geschehen und die Politiker halten, ist in Wirklichkeit meist der kollektive Nachvollzug von Folgerungen, die sich aus der Art der medialen Darstellung ergeben. Paradoxerweise sind die Wähler [Zuschauer] umso mehr von der Eigenständigkeit ihres Urteils überzeugt, je zwingender es aus der Art der Darstellung folgt. Dies ist – unabhängig vom tatsächlichen Geschehen – vor allem dann der Fall, wenn die Medien konsonant berichten, das Geschehen also sehr ähnlich darstellen.”

(Hans Mathias Kepplinger / Marcus Maurer: Abschied vom rationalen Wähler. Warum Wahlen im Fernsehen entschieden werden. Freiburg / München 2005. S. 183f.)