(Von Wuldorblogger)

Zugegeben – eigentlich waren sie nie weg, aber sie mußten sich an neue Umstände anpassen, und das haben sie auch blitzschnell getan: die Propheten des Untergangs, die Berufspessimisten, die notorischen Schwarzmaler. Die Wahllokale im Irak hatten kaum geschlossen, und die Feiern der frischgebackenen Demokraten waren noch im Gange, als schon die ersten Horrorprognosen bereitgehalten wurden.

Das geht so problemlos, weil man als Prophet des Untergangs einen einfachen Job hat. Man kann alles behaupten, und wenn es nicht eintritt, gesteht man keinen Irrtum ein, sondern geht einfach sofort zum nächsten Horrorszenario über. Umso selbstgerechter tönt allerdings das “Ich habe euch gewarnt!”, wenn sich tatsächlich mal eine Prognose erfüllt.

Wir erinnern uns an die Zeit…

vor dem Irak-Krieg. Da hieß es unter anderem: Es gibt einen
“Flächenbrand” in der Region. Die “arabische Straße” wird sich erheben.
Hunderttausende Tote, allein im blutigen Häuserkampf um Bagdad.
Millionen Flüchtlinge. Ca. 30.000 tote US-Soldaten allein während der
Invasion. Einsatz von Massenvernichtungswaffen (von denen man heute
sagt, daß man nie an ihre Existenz geglaubt habe) gegen die Iraker,
US-Truppen oder Israel. Eine Umweltkatastrophe, nachdem Saddam die
Ölfelder anzündet. Riesige Epidemien. Ein gewaltsamer Konflikt mit der
Türkei wegen der Kurdenfrage. Ein Bürgerkrieg. Ein Gottesstaat. Und
noch vieles mehr.

Nichts davon ist eingetreten, und das einzige Horrorszenario, das
tatsächlich eingetreten ist – eine blutige Welle des Terrorismus, die
wahllos nicht nur Koalitionstruppen trifft, sondern ausländische
Helfer, irakische Frauen und Kinder – hat kaum jemand prognostiziert.
Und dennoch erhoben die Schwarzmaler schnell den Finger und sagten “Wir
haben euch gewarnt!”. Schließlich hatte man doch auf Probleme
hingewiesen – wenn auch auf die völlig Falschen.

Ähnliches “doom and gloom” durften wir vor der Wahl vom Sonntag
hören. Blutbad und minimale Wahlbeteiligung waren da noch die
harmloseren Prognosen. Aber: Die Wahlen waren ein phänomenaler Erfolg.
Alle, aber auch wirklich alle, dunklen Vorhersagen haben sich als
falsch erwiesen, und der Irak scheint – wie auch die USA – von einer
neuen Hoffnung erfaßt.

Aber unsere Untergangspropheten wären nicht, was sie sind, wenn sie
sich davon beirren ließen. Oder gar einen Fehler eingestehen würden.
Und das müssen sie ja auch nicht, denn niemand verlangt von ihnen
Rechenschaft oder stellt ihr “Expertentum” in Frage. Also: Schnell ein
Strich unter das Geschehene, und eine neue Rechnung mit jeder Menge
katastrophaler Variablen aufgemacht. Eine könnte sich ja – zumindest
zum Teil – erfüllen. Und dann könnte man wieder den Finger heben: “Ich
habe euch gewarnt!”

Eine kleine Presseschau zeigt unsere einschlägigen Experten bereits wieder eifrig bei der Arbeit:

Bei der “taz” Zweifel am Nutzen der Wahl, die nur die Gegensätze
“zementiert” habe, bis hin zum drohenden Bürgerkrieg. Ferner Zweifel,
ob wir an den Resultaten freier Wahlen Gefallen finden würden.
Iran-naher Gottesstaat. Hamas-Erfolge im Gaza-Streifen.
Erfolgreiche Zementierung

Die “Frankfurter Rundschau” sieht die Wahlen als weder frei, noch
fair, noch demokratisch. Sie reichten allenfalls knapp zur
“Legitimierung der Besatzungs- und Transformationspolitik”. Die
Spaltungen sind nur vertieft, der Bürgerkrieg steht bevor – Fazit:
“Freude über das Votum der vielen Mutigen kann da nicht aufkommen.”
(Warum sollte man sich auch freuen, wenn acht bis zehn Millionen Iraker
das ganz offensichtlich tun!!!)
Gelungen

Bei
der “Süddeutschen” gibt es sogar ein Wiedersehen mit unserem alten
Freund, dem “Flächenbrand in der Region” – diesmal allerdings nicht
mehr durch den Krieg, sondern durch eine mögliche Demokratisierung,
die, so der Autor, gar nicht  in unserem Interesse ist
(fundamentalistischer Gottesstaat und gewählter neuer Saddam natürlich
inklusive): Die Macht der Schiiten

“Die Wahl im Irak wird die Gewichte im Nahen Osten verschieben. Es
drohen Staatsstreiche, Zerfall, vielleicht sogar Bürgerkrieg. Der
Westen sollte mit Frohlocken über den Sieg der Demokratie vorsichtig
sein.”

Und
in der ARD war man für diesen Ernstfall besonders gut gewappnet: man
holte Patrick Leclercq, den Mann für die schwierigen Fälle, hervor, der
in den “tagesthemen” nach den obligatorischen Respektsfloskeln
gegenüber den Irakern umgehend geradezu eine Tirade von
Untergangsszenarien abfeuerte. (Ich bin leider vor lauter Staunen nicht
mitgekommen und finde auch keine Mitschrift im Netz. Sollte sie jemand
finden, bitte in die Kommentare posten!)

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