(Von Niko)
Das Qualitätsblatt SPIEGEL hat eine ganz hervorragende Zusammenfassung der mittlerweile laufenden Wahl im Irak erbrochen.
Wie frei ist eine Wahl, bei der die Wähler um ihr Leben fürchten müssen? (…) Die
meisten [Wahlhelfer] haben Drohungen erhalten (…), sie sollten “auf islamische Art geschlachtet werden”. (…) [Wie] frei und fair, fragte in ihrer Samstagsausgabe die britische Zeitung
“The Independent”, kann eine Wahl in einem besetzten Land sein, bei der
die Wähler um ihr Leben fürchten müssen? (…) [Von] Normalität ist der Irak am Vorabend der Wahl Lichtjahre entfernt: Ab Sonntagmorgen sollen die 15 Millionen wahlberechtigten Iraker ihre Auswahl aus einer umfänglichen Parteienliste treffen, deren Kandidaten zum allergrößten Teil namenlos sind. Zu gefährlich wäre es, ihre Identitäten offen zu legen. (…) Die Frontlinien verlaufen nicht nur zwischen Terroristen und Wahlwilligen – sie verlaufen auch zwischen denen, die wählen gehen – wo auch immer. [Sic!] (…) Wie die Wahlbeteiligung im so genannten sunnitischen Dreieck aussehen wird, ist ebenfalls ausgemacht: niedrig, äußerst niedrig. (…) Neben der Furcht vor Anschlägen dürfte auch im Irak die Angst davor umgehen, beim Wahlgang schlicht gesehen und erkannt zu werden. (…) Derweil wächst die Zahl der ermordeten Wahlhelfer. Zehn Tote zählte die Wahlkommission am Freitagabend. Am Samstag gab es eine ganze Reihe kleinerer Katastrophenmeldungen. (…) Ein blutiger Tag im Irak, ein fast normaler Tag im Irak des Jahres 2005. (…) “Die Gräben (in der irakischen Wählerschaft) sind so markant und tief, dass diese Wahlen, anstatt die Menschen einander anzunähern, sie eher entzweien können”, hieß es in einer Stellungnahme des durchführenden Instituts zu den Ergebnissen [einer Umfrage von Abu Dhabi TV]. “Da die Sunniten jetzt schon die Wahlen boykottieren, ist für eine äußerst gewalttätige Mischung gesorgt.” Gemeint ist damit: auch nach der Wahl.
Wie gewohnt eine präzise, umfassende Analyse aus Hamburg, die auf jeglichen Schnörkel verzichtet. Der SPIEGEL belastet den Leser auch nicht mit belanglosen Details, die das einmal aufgebaute Bild in Schieflage bringen könnten:
- Mehr als 7.000 Kandidaten stellen sich der Wahl.
- Es sind genau deswegen nicht alle Namen auf den Wahlzetteln angegeben.
- Ein Drittel der Kandidaten sind Frauen.
- Irak ist neben Israel das einzige Land im Nahen und Mittleren Osten, in dem demokratische Wahlen stattfinden.
- Paul Wolfowitz hatte recht, Demokratie ist vereinbar mit der arabischen Stämmekultur.
Man könnte daraus sogar einige Fragen ableiten:
Wenn der Wahlgang tatsächlich so lebensgefährlich ist, was motiviert mehr als 7.000 Kandidaten ihr Leben aufs Spiel zu setzen?
Ist es möglich, dass noch andere “Kulturen” im Nahen und Mittleren Osten kompatibel sind mit dem “westlichen” Konzept von Demokratie?
Wenn mehr als 1 Million muslimische Israelis, d.h. Araber mit israelischer Staatsbürgerschaft, schon seit Jahren an demokratischen Wahlen in Israel teilnehmen, und friedlich mit ihren jüdischen Nachbarn zusammenleben, könnte das nicht ein Modell für Sunniten, Schiiten und Kurden sein?
Werden nach der Wahl die Aufständischen jene sein, die gegen Demokratie kämpfen, oder aber jene, deren Kandidaten unterlegen waren?
Welches Interesse haben staatlich kontrollierte Medien der Nachbarstaaten Iran, Syrien und Saudi-Arabien, positiv über die Wahl zu berichten?
Wenn die Wahl im Irak innerhalb eines Jahres geplant und umgesetzt wurde, wieso verlangen viele arabische Nachbarstaaten eine Übergangsphase zur Demokratie von einigen Jahrzehnten?
Was sagen Syrer, Jordanier, Ägypter “von der Strasse” dazu, dass ihre Nachbarn, Exil-Iraker, ihre Repräsentanten in einer freien, gleichen, geheimen Wahl bestimmen können?
Zum Glück verwirrt uns der SPIEGEL nicht mit solch komplizierten Gedankengängen. Das muss wohl das Erfolgsrezept der Macher an der Alster sein.

