(Von Wuldorblogger)
Condoleezza Rice hat im Zuge ihrer Europareise festgestellt, daß es aus ihrer Sicht kein “altes” und kein “neues” Europa gebe. Dennoch ist dieses Begriffspaar nun, über zwei Jahre nachdem es zuerst erwähnt wurde, immer noch Gegenstand rechtschaffener europäischer Empörung. Grund genug, sich das noch einmal genauer anzuschauen.
Wir erinnern uns: Donald Rumsfeld gibt zusammen mit General Myers eine Pressekonferenz. Und antwortet auf die Frage eines Journalisten folgendes:
What do I think about it? Well, there isn’t anyone alive who wouldn’t
prefer unanimity. I mean, you just always would like everyone to stand
up and say, Way to go! That’s the right to do, United States.
Now, we rarely find unanimity in the world. I was ambassador to
NATO, and I — when we would go in and make a proposal, there wouldn’t
be unanimity. There wouldn’t even be understanding. And we’d have to be
persuasive. We’d have to show reasons. We’d have to — have to give
rationales. We’d have to show facts. And, by golly, I found that Europe
on any major issue is given — if there’s leadership and if you’re
right, and if your facts are persuasive, Europe responds. And they
always have.Now, you’re thinking of Europe as Germany and France. I don’t. I think that’s old Europe If you look at the entire NATO Europe today, the center of gravity is
shifting to the east. And there are a lot of new members. And if you
just take the list of all the members of NATO and all of those who have
been invited in recently — what is it? Twenty-six, something like
that? — you’re right. Germany has been a problem, and France has been
a problem.(Rumsfeld Zitat auf Deutsch)
That’s it. Das ist der Grund für zwei Jahre Empörung und verletzte alteuropäische Eitelkeiten. Sogar bis dahin führend, daß die “stolzen” Europäer diese Ehrabschneidung in ein Qualitätssiegel umwandeln, und dieses positiv besetzte “alte Europa” in Deutschland zum “Wort des Jahres” gekürt wird.
Der amerikanische Verteidigungsminister nimmt es sich doch tatsächlich heraus, auf einer Pressekonferenz – nicht in einer großen Programmrede und schon gar nicht wiederholt – beiläufig festzustellen, daß er es lieber gehabt hätte, wenn alle die USA unterstützt hätten, aber daß Europa – erst recht im Zuge der Osterweiterung, deren Name allein ja schon nahelegt, daß Rumsfeld Recht hat, und daß, ja, der Schwerpunkt der EU sich durch die Aufnahme acht osteuropäischer Staaten ein wenig gen Osten verlagert haben dürfte – aus mehr als Frankreich und Deutschland besteht und er sich darüber freut, daß viele andere europäische Staaten den amerikanischen Kurs mittragen. Kein abfälliges Wort über “old Europe”. Einzig und allein der Hinweis, daß Europa – erst recht das erweiterte Europa – mehr ist als Deutschland und Frankreich. Was nun niemand ernsthaft bestreiten können dürfte.
Diese Binsenwahrheiten gelten nun dennoch schon lange als Beleg amerikanischer Arroganz und amerikanischen Allein- und Draufgängertums (obwohl sie im Gegenteil ja sogar Ausdruck von Dankbarkeit gegenüber den Verbündeten und Zeichen der Achtung der neuen EU- und NATO-Mitgliedern ist, an der es den Herren Schröder und Chirac (“Einige Staaten haben eine gute Gelegenheit verpaßt, den Mund zu halten.”) durchaus manchmal zu mangeln scheint).
Wäre all die Aufregung nicht schon lächerlich genug, könnte man noch hinzufügend fragen, wieso eigentlich die viel schwerer wiegenden Beleidigungen, die von deutschen Politikern Richtung USA abgefeuert worden sind, aus dem Blickfeld der deutschen Beobachter so schnell verschwunden sind. Wer fragt heute schon noch – wenn er sie nicht als “mutig” lobt – danach, daß die damalige Bundesjustizministerin Präsident Bush “Adolf Nazi”-Methoden vorgeworfen hat (und nie dafür Rechenschaft gezogen wurde, sondern einen ehrenhaften Abgang erster Klasse inklusive gut bezahlten Ersatzjob erhielt)? Daß der Kanzler die Politik der USA als “Abenteurertum” bezeichnete? Daß zahlreiche SPD- und Grünen-Politiker “Blut für Öl”-Populismus betrieben haben? Oder daß man Angela Merkel der “Arschkriecherei” bezichtigt hat, weil sie es gewagt hat, mit dem amerikanischen Präsidenten tatsächlich zu sprechen, statt ihn nur auf den Marktplätzen dieser Republik zu beleidigen?
All das aber zählt nicht. Unilateralismus und Arroganz – das trifft immer nur auf die anderen zu. Wenn wir es äußern ist es “legitime Kritik”, und die muß ja wohl erlaubt sein, auch wenn sie mal etwas deutlicher ausfällt…
Rumsfeld Zitat:
Was ich darüber denke? Nun, es gibt wohl niemanden, der Einigkeit nicht
vorziehen würde. Natürlich wäre es schön, wenn immer alle aufstünden und
sagenwürde: Weiter so! Was ihr macht ist richtig, Vereinigte Staaten!Nun finden wir nur selten Einigkeit in der Welt. Ich war Gesandter bei der
NATO und ich… Wenn wir einen Vorschlag machten, gab es keine Einigkeit. Es
gab nicht mal Verständnis. Und wir mußten überzeugen. Wir mußten unsere
Gründe zeigen. Wir mußten… wir mußten vernünftige Erklärungen machen. Wir
mußten Tatsachen zeigen. Und Menschenskind, ich habe gesehen, daß Europa bei
jedem wichtigen gegebenen Thema… wenn einer die Führung übernimmt, und
wenn man Recht hat und die Fakten überzeugend sind, dann folgt einem Europa.
So war es immer.Nun stellen sie sich Europa vor als Deutschland und Frankreich. Ich nicht.
Ich denke, das ist das alte Europa. Wenn man sich heute das gesamte Europa
der NATO ansieht, bewegt sich das Gravitationszentrum nach Osten. Und es
gibt eine Menge neuer Mitglieder. Und wenn man eine Liste aller Mitglieder
der NATO nimmt und ansieht, wer erst kürzlich dazukam – wieviele sind das?
Sechsundzwanzig, um den Dreh? … Sie haben Recht. Deutschland war ein
Problem und Frankreich war ein Problem.

